GRUnDlAGEN

Seuchen ohne Seuchenpolitiken gibt es nicht. Auch die aktuelle Covid-19-Pandemie ist eingebettet in gesellschaftliche Verhältnisse und in Politiken des Lebens: in Politiken, die durch Abstandsregelungen, Kontaktbeschränkungen, home-office, Schul- und Kita-Schließungen die Lebensweisen der Menschen maßgeblich verändern; in Politiken, die festlegen, welches Leben geschützt werden soll und welche Tätigkeiten als systemrelevant gelten; und in Politiken, die eine Gesundheitskrise in eine ökonomische Krise mit Versorgungsengpässen und Verarmung verwandeln. Diese Politiken des Lebens führen dazu, dass das Virus zwar alle treffen kann, aber dennoch nicht alle in gleicher Weise vom Virus gefährdet und von den politischen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie betroffen sind. Wohnungslose, Geflüchtete, Sexarbeiter*innen, alleinerziehende Mütter, prekäre Arbeiter*innen, Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen, Arme, Gefängnisinsass*innen und Bewohner*innen von Nationalstaaten mit geringer öffentlicher Gesundheitsversorgung sind in vielerlei Hinsicht verletzbarer und gefährdeter als Menschen, deren Arbeits-, Lebens- und Wohnverhältnisse so sind, dass sie auch in der aktuellen Ausnahmesituation weitreichende Sicherheiten bieten.

Die aktuelle Corona-Krise macht wie
in einem Brennglas gesellschaftliche
Widersprüche und Ungleichheiten
deutlich, die schon davor Normalität waren.


Die aktuelle Corona-Krise macht daher wie in einem Brennglas gesellschaftliche Widersprüche und Ungleichheiten deutlich, die schon davor „Normalität“ waren. Auch bevor „systemrelevante Tätigkeiten“ allabendlich von den Balkonen aus beklatscht wurden, waren diese schlecht bezahlt, gering anerkannt und wurden meist von (migrantischen) Frauen* ausgeübt. Ebenso waren auch vor Zeiten des home-schooling und home-office Pflege- und Betreuungsverantwortungen ungleich verteilt. Und auch das Zuhause war für viele kein Ort der Sicherheit, sondern von Arbeit und Gewalt. Auch ohne fehlende Beatmungsbetten war offensichtlich, dass Gesundheitsversorgung nicht nach neoliberalen Parametern organisiert werden kann. Bereits vor der Corona-Krise war augenscheinlich, dass der Kapitalismus wiederkehrend Krisen hervorbringt, aber diese von sich aus nicht lösen kann. Und auch vor den Grenzschließungen und nationalen Wettläufen um einen Impfstoff war sichtbar, dass in der gegebenen globalen Weltordnung die Sicherheit aller Leben nicht gleich betrachtet wird. All dies verdichtet sich nun in der Covid-19-Pandemie.

MOSAIK

Um diese vielschichtigen Aspekte der ungleichen Politiken des Lebens in der Corona-Krise sichtbar zu machen, braucht es ein umfangreiches und facettenreiches Mosaik. Es bedarf eines umfangreichen und facettenreichen Mosaiks, das Verbindungen zieht zwischen Körpern und Kapitalismus, Sorge und Geschlechterverhältnissen, Gesundheit und Rassismus, Sicherheit und postkolonialen Grenzregimen, Schutz und Nationalismus, Verletzbarkeit und Demokratie und diese Verbindungsstränge wiederum miteinander in Beziehung setzt. Dieses Wissen kann nur gesellschaftskritisches Wissen sein – unter anderem über Geschlechter-, Sexualitäts- und Behinderungsverhältnisse, Migrationsregime, postkoloniale Konstellationen und Kapitalismus –, das sowohl in aktivistischen als auch in akademisch-kritischen Kontexten entsteht.

Ein derartiges Mosaik stellt diese digitale Ausstellung bereit. Dazu wurde im Archiv kritischer Theorien nach Konzepten, Begriffen und Erklärungsansätzen zu Biopolitik, Immunisierung, Seuchenpolitik, Verletzbarkeit, Prekarisierung und vielem mehr gesucht, um die aktuellen Politiken des Lebens in der Corona-Krise verstehen zu können. Darüber hinaus wurden unterschiedliche zivilgesellschaftliche Akteur*innen nach ihrem Wissen und ihren Erfahrungen über Ein- und Ausschlüsse, Gefährdungen und Solidaritäten sowie die Auswirkungen der Corona-Politiken auf ihre Lebens- und Arbeitsweisen befragt.

Um die vielschichtigen Aspekte
der ungleichen Politiken des Lebens
in der Corona-Krise sichtbar zu machen,
braucht es ein umfangreiches
und facettenreiches Mosaik.

eNtSTEHUnGSgEsCHIChTe

Die Grundkonzeption der Ausstellung ist im Kontext des Seminars „Politiken des Lebens. Die aktuelle ‚Corona-Krise‘ aus der Perspektive der Politischen Theorie“ entstanden, das von Gundula Ludwig im Sommersemester 2020 am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bremen geleitet wurde. Im Seminar entstand durch das Engagement und Interesse der Studierenden eine Vielzahl von Podcasts und Beiträgen zu unterschiedlichen Aspekten der Corona-Krise, die in dieser Ausstellung nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Darüber hinaus wurden weitere Beiträge im Kontext des Seminars „Geschlechterperspektiven zu Frieden und Sicherheit in den Internationalen Beziehungen“ erarbeitet, das Philipp Schulz leitete und das ebenso im Sommersemester 2020 am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bremen angeboten wurde. Und schließlich wurden weitere Beiträge mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen, Aktivist*innen, Gruppen und Einzelpersonen erstellt: Bund Deutsche Pfadfinder*innen Bremen, Black Community Foundation Bremen, Ende Gelände, F*-Streik – feministisches Streik-Bündnis Bremen, FAU Bonn, La Campagne, maiz, Migrantifa Bremen, Mission Lifeline, Nachbarschaftliches Solidaritätsnetzwerk Dresden-West, Nitribitt e.V., Seebrücke Kiel, Stimmrecht gegen Unrecht, TogetherWeAreBremen, Zeitschrift der Straße sowie weiteren Einzelpersonen. Diese zusätzlichen Perspektiven verdeutlichen, dass ein Mosaik über die Corona-Krise ohne zivilgesellschaftliches aktivistisches Wissen nicht möglich ist. Für die Akquise und Koordination dieser Beiträge waren die beiden Projekt-Mitarbeiter*innen Gunnar Bantz und Sara Kirch verantwortlich. Die Koordination des Projektes erfolgte durch Renée Gerber.

pOliTIkEN DES wISseNs

Mit welchem Wissen werden die einschneidenden Veränderungen des Lebens gedeutet, die mit der Corona-Krise einhergehen? Was wird dabei als „Norm“ und „Normalität“ vorausgesetzt? Welche Stimmen sind dabei hörbar, welche nicht? Bereits im Frühling 2020 wurde in den Antworten auf diese Fragen schnell klar, wie eng Wissen mit Macht und Politik verwoben ist. Die Diskurse darüber, was eigentlich dazu geführt hat, dass aus einer Pandemie eine umfassende gesellschaftliche Krise werden konnte, und die Debatten darüber, welche Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Krise sinnvoll und angebracht sind, sind in vielerlei Hinsicht begrenzt: Obwohl sich in der Corona-Krise gesellschaftliche Ungleichheiten zuspitzen, findet kritisches Wissen über und konkrete Erfahrungen von strukturellen Macht- und Herrschaftsverhältnissen kaum Eingang in öffentlichen, medialen, wissenschaftlichen und politischen Einschätzungen.

Vor diesem Hintergrund versteht sich die Ausstellung als kritische Intervention in die Deutungs- und Wahrnehmungsmuster der Corona-Krise. Der Anspruch dabei ist allerdings nicht, ein allumfassendes Bild der Corona-Krise zu zeichnen. Dies ist nicht nur aufgrund der Dynamik und der stetigen Veränderung der Corona-Krise selbst unmöglich, sondern auch weil das Wissen, das in der Ausstellung gebündelt und wiedergegeben ist, ‚situiertes Wissen‘ (Donna Haraway) ist. Der Ausgangspunkt des Projekts war ein Theorieseminar an der Universität Bremen, aus dessen Verlauf sich die Idee der Ausstellung entwickelte. Damit war von Beginn an ein Rahmen vorgegeben, der einen bestimmten Zugriff auf die Corona-Krise, eine bestimmte Sprache und Denklogik mit sich bringt – und freilich immer auch begrenzt ist.

Um ein erweitertes Bild auf die Corona-Krise bereitstellen zu können, macht die Ausstellung auch (Erfahrungs-)Wissen unterschiedlicher zivilgesellschaftlicher Akteur*innen sichtbar.

In unserer Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen zeigte sich schnell, dass die gesellschaftliche Arbeitsteilung zu ungleichen Privilegien führt: Während wir den akademischen Raum nutzen können, um die Gegenwart zu reflektieren, konnten einige der angefragten Aktivist*innen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen sich nicht an dem Projekt beteiligen, da ihnen Zeit und Ressourcen dafür fehlten. Dies führte dazu, dass wir in manchen Beiträgen auch nicht mit den Betroffenen selbst sprechen konnten bzw. dass manche Perspektiven in dem Projekt nicht vertreten sind. Die Auswahl der Beiträge spiegelt daher nicht nur die eigene Situiertheit der an dem Projekt beteiligten wider, sondern auch die ungleiche Verteilung von Privilegien und deren Auswirkungen auf Politiken des Wissens. 

Nicht also ein möglichst allumfassendes Bild auf die Corona-Krise will die Ausstellung darstellen, sondern vielmehr wollen wir unterschiedliche Blickwinkel aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und von verschiedenen Akteur*innen zu einem Mosaik von Realitäten, Erfahrungen und Perspektiven zusammenzufügen. Wenn wir auf diese Weise dazu beitragen, die Deutungsmuster über die Corona-Krise zu vervielfältigen und einem möglichst breiten Publikum zugänglich machen und von den Beiträgen sowie den Leerstellen aus zu einem Weiterdenken über Ausschlüsse, Macht- und Herrschaftsverhältnissen anregen, sind wir dem Ziel der Ausstellung, emanzipatorische Politiken des Wissens in der Corona-Krise weiterzutreiben, ein Stück näher gekommen.

Ermöglicht wurde die digitale Ausstellung durch die Förderung im Rahmen der Sonderausschreibung »Corona-Krise und die Humanities« der interdisziplinären Verbundforschungsplattform Worlds of Contradiction der Universität Bremen.